Gedanken

Gedanken von Daniel Konzett

Das Zwiebelchen

Das Zwiebelchen

Also: Es lebte einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb.

Diese Alte hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht. Da kamen denn die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee.

Ihr Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen? Da fiel ihm etwas ein, und er sagte zu Gott:” Sie hat einmal”, sagte er, “in ihrem Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen und es einer Bettlerin geschenkt.”

Und Gott antwortete ihm:” Dann nimm”, sagte er, “dieses selbe Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie es zu ergreifen vermag, und wenn du sie daran aus dem See herausziehen kannst, so möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so soll sie bleiben wo sie ist.”

Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr das Zwiebelchen hin: “Hier”, sagte er zu ihr, “fass an, wir wollen sehen, ob ich dich herausziehen kann!” Und er begann vorsichtig zu ziehen – und hatte sie beinahe schon ganz herausgezogen, aber da bemerkten es die anderen Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie, damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge.

Aber das Weib war böse, sehr böse und stieß sie mit den Füßen zurück und schrie: “Nur mich allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und nicht eures.”

Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riss das kleine Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt dort noch bis auf den heutigen Tag.

Der Engel aber weinte und ging davon.

Das Gleichgewicht der Erde

Das Gleichgewicht der Erde

Menschliches Fehlverhalten und Naturkatastrophen

Der Mensch ist nur ein Staubkorn im unermesslichen Universum.

Grundsätzlich gibt es keinen Konflikt zwischen Mensch und Schöpfung. So wie ein Kind berechtigt ist, die Milch seiner Mutter zu genießen und die Biene den Honig der Blüten, ebenso darf sich der Mensch an den Bodenschätzen der Natur erfreuen. Aber als Folge unkontrollierter Wünsche und rücksichtsloser Ausbeutung der natürlichen Ressourcen reagiert die Natur mit Katastrophen, die Angst einflößen.

Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Dürren und Überschwemmungen sind die Folge von Störungen im natürlichen Gleichgewicht der Natur, ausgelöst durch rücksichtslose Ausbeutung der natürlichen Bodenschätze. Man muss die Menschheit vergleichen mit einem Verrückten, der die Axt schwingt gegen den Ast, auf dem er sitzt.

Sanathana Sarathi März 1997

Alle Arten von Mineralien und Erzen werden willkürlich zum sogenannten Nutzen der Menschheit abgebaut. Die Erde ist eine Kugel. Der systematische Abbau von Material auf einer Seite führt zu einer Störung des Gleichgewichts, da die andere Seite dadurch schwerer wird. Es ist die göttliche Verteilung der Materie, die das Gleichgewicht aufrechterhält. Dieses Gleichgewicht sollte nicht gestört werden.

Der Verlust des Gleichgewichts ist die Ursache von Erdbeben und anderen Naturkatastrophen. Der Mensch stört nicht nur das Gleichgewicht auf der Erde, er verunreinigt auch die Meere durch industrielle und städtische Abfälle. Die Wasserverunreinigung hat ein Stadium erreicht, in welchem die Menschen gezwungen sind, verunreinigtes Wasser zu trinken.

Sanathana Sarathi 2000

Seht, wie viele Veränderungen heutzutage in der Natur geschehen.

Was ist der Grund dafür?

Die Ursache ist das unrechte Verhalten des Menschen.

In Gujarat geschah ein Erdbeben. Hunderttausende kamen dabei um. Wenn man dorthin geht, sieht man, dass dort Menschen ohne Mitgefühl leben. Wie kommt das? Der Mensch ist mit seinem Los nicht zufrieden. Er versucht, seine unmäßigen Wünsche zu erfüllen.

Die Erde wird, weil man Öl will, aufgebohrt. Auch die Erde muss im Gleichgewicht bleiben, nicht wahr?

Gott hat in jedem Aspekt seiner Schöpfung Gleichgewicht geschaffen.

Auch im Meer sollte Gleichgewicht herrschen. An einem Tag werden Abermillionen Fische aus den Meeren gefischt. Deshalb ist Ungleichgewicht im Meer entstanden und die Menschen am Land leiden deswegen und erfahren Naturkatastrophen.

Bhukampam-Erdbeben. Was ist die Bedeutung von Erdbeben? Wenn das Beben (kampam) in uns nachlässt, nur dann wird das äußere Erdbeben (bhukampam) aufhören. Das Beben im Menschen nimmt zu. Weil er alles ausplündert, entsteht ein Wandel im Globus. Nicht nur Indien, die ganze Welt und die Menschen aller Länder sollten das Gleichgewicht bewahren.

Die fünf Elemente sind Formen des Göttlichen. Weil die Erde eine Form Gottes ist, wird sie seit altershehr als Göttin Erde verehrt. Der Fluss Ganges, der der Erde entspringt, wird als Göttin Ganges verehrt. Sogar der Wind wird als Windgott verehrt. Alle fünf Elemente werden als göttlich angesehen, aber sie werden nicht als göttlich behandelt und nicht in göttlicher Weise genutzt. Wenn wir die fünf Elemente als Verkörperungen der Göttlichkeit betrachten und entsprechend nutzen, wird es uns wohl ergehen und wir werden sicher sein.

Ich schickte kürzlich Lastwagen mit Reis, Mehl und anderen Hilfsmitteln nach Gujarat. Manche Menschen fragten mich: „Swami, warum gibst du so viel Geld aus und bemühst dich so? Hättest du das Erdbeben abgewendet, wäre dieses Leid nicht geschehen.“ Ich antwortete: „Seht, der Mensch allein ist verantwortlich für dieses Erdbeben.“ Das Gleichgewicht der Erde wird ruiniert. Nach all diesen Eingriffen in die Erde geschah das Erdbeben und die Erde zeigte ein unnormales Verhalten. Es ist der Wandel, der Ausgleich der Schöpfung, entsprechend den Empfindungen der Schöpfung und dem Gesetz der Natur. Die Natur folgte ihrem Gesetz.

Auch ihr solltet eurem Gesetz, nämlich der Liebe des Menschen folgen. Dehnt eure Liebe aus. Das entspricht eurem Wesen. Das Wesen der Erde ist Gleichgewicht. Aufgrund des Verlustes ihres Gleichgewichts wurde die Erde erzürnt und zerstörte jeden.

Der Mensch muss deshalb unbedingt die göttlichen Empfindungen in sich nähren. Jeder muss in seiner eigenen Situation sein Gleichgewicht bewahren. Auch der Mensch muss sein Gleichgewicht erhalten und schützen. Der Mensch glaubt, all die von Gott geschaffenen Dinge seien nur für seine Zwecke gedacht und plündert und raubt sie aus.

Es gab einmal eine Ente, die legte jeden Tag ein goldenes Ei. Was tat der gierige Mensch damit? Er dachte bei sich: „Diese Ente legt täglich ein Ei; wie lang soll ich täglich auf dieses Ei warten?“ und schnitt den Bauch der Ente in dem Glauben auf, die täglich gelegten goldenen Eier befänden sich darin. Ohne die Wahrheit zu erkennen, dass jeden Tag nur ein Ei geformt wird, schnitt er die Ente auf, die diese Eier produzierte. Wir tun heutzutage dasselbe. Wir sollten uns an dem Glück erfreuen und zufrieden sein mit dem, was die Natur uns entsprechend ihrem Gesetz gibt. Wir sollten nicht versuchen, alles Glück auf einen Schlag zu erhalten. Das käme dem Töten der Ente, die goldene Eier legt, gleich.

Jeder versucht heutzutage, etwas Großes, Neues zu entdecken. Wissenschaft und Technologie haben sich weiterentwickelt. Welcher Fortschritt wird dadurch erreicht? Die Zahl der Erdbeben nimmt ständig zu. Zudem setzen die Regenfälle nicht rechtzeitig ein. Wissenschaft, Wissenschaft! Auch Wissenschaft muss begrenzt genutzt werden. Wenn Wissenschaft ihre Grenzen überschreitet, entsteht Gefahr. Das menschliche Wesen, die menschliche Qualität muss bewahrt und geschützt werden. Die Wahrheit in uns muss genährt werden. Wir müssen darauf achten, dass wir unser dharmisches Verhalten nicht ändern. Wir dürfen unter keinen Umständen von der Wahrheit abweichen.

Auszug aus einer Rede anläßlich des Erdbebens in Indien, Gujarat Anfang 2001

Die Natur schreitet schneller voran als der Mensch,
und um die Natur zu schützen,

muss der Mensch sie – in Grenzen – nutzen.

Wenn der Mensch rücksichtslos an der Natur herumpfuscht,
reagiert sie feindlich, und es entstehen Probleme.

Um die Natur zu schützen,
muss der Mensch seine Wünsche einschränken.

Er sollte nicht den negativen Aspekt der Natur provozieren.

In dieser Hinsicht nehmen Wissenschaftler keine Rücksicht auf die schädigenden Auswirkungen, die der Gesellschaft durch ihre Erfindungen erwachsen können. Sie kümmern sich nicht um das Wohlergehen der Menschheit und fahren fort, ihre Intelligenz für die Produktion von Zerstörungswaffen einzusetzen.

Die Wissenschaft zerlegt alles in Stücke,
während Spiritualität die Einheit in der Vielheit aufbaut.

Ihr habt die Ozonschicht in der Atmosphäre, die die Menschen auf der Erde vor den üblen Auswirkungen der Sonnenstrahlung bewahrt. Durch den Fortschritt der Technologie sind verschiedene Fabriken entstanden, die schädliche Gase in die Atmosphäre entlassen, mit dem Resultat, dass die Ozonschicht dünner geworden ist. Wenn dies uneingeschränkt weitergeht, kann es katastrophale Folgen haben.

Die Wissenschaftler bemühen sich, die Auflösung der Ozonschicht zu stoppen, aber sie sind nicht in der Lage, ein Gegenmittel zu finden. Der tatsächliche Grund für diese Situation ist, dass mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen wird. Dieses wird normalerweise von den Pflanzen und Bäumen absorbiert, die durch den natürlichen Vorgang der Photosynthese das Gas assimilieren und Sauerstoff liefern. Doch weil in alarmierendem Ausmaß die Wälder vernichtet werden, hat sich der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre erheblich erhöht.

In dieser Lage ist deshalb intensive Aufforstung das Heilmittel – mehr Bäume, überall, und gleichzeitig die vorhandenen Bäume schützen und sie nicht für andere Zwecke zerstören. So ist die Beziehung zwischen Mensch, Natur und Gott sehr innig, was Wissenschaftler wohl nicht erkennen mögen.

Unruhe im menschlichen Herzen spiegelt sich in Erdbeben.

Erfüllt euren Geist mit guten Gedanken und beteiligt euch an guten Taten.

Singt den Namen des Herrn.

Wenn die Luft mit den Schwingungen des Namen Gottes erfüllt ist,
wird die ganze Welt gereinigt.

Alle, die diese geheiligte Luft einatmen, werden dadurch reine Gedanken haben.

Reinigt die Atmosphäre, die augenblicklich verschmutzt ist.

Sanathana Sarathi 1993

Heutzutage nimmt, wo immer man hinschaut, die Verschmutzung zu.
Die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Nahrung,
die wir essen und die Arbeit, die wir verrichten, sind alle verschmutzt.

Das Gebet zu Gott ist die spirituelle Disziplin,
die wir durchführen müssen,
um diese verschmutzte Atmosphäre zu reinigen.

Sai Baba – 05.09.2006

Das Tsunami Wunder
Bericht eines von Swamis Studenten

Im Jahre 1995 sagte Bhagawan einmal in einer Ansprache zu seinen Studenten im Studentenwohnheim, dass wirklich jeder einzelne Student, bevor er dieses Wohnheim oder das College verlassen würde, von Seiner Gnade, seiner Liebe und seinem Mitgefühl berührt würde. Viele Studenten haben Swamis Gnade, Liebe und Mitgefühl auf die eine oder andere Weise erfahren. Der großartigste Aspekt von Bhagawan ist, dass er so jeden Studenten, der in Prasanthi Nilayam lebt, behandelt. Darum kann jeder von ihnen über persönlichen Erlebnissen mit Bhagawan berichten und alle damit erfreuen. Fragt irgendeinen Studenten oder Lehrer, der gerade aus dem Eingangsportal eines der Sai-Institute kommt, und er wird dir ein Erlebnis erzählen, das er sein Leben lang als Schatz bewahren wird. Gestern habe ich von einigen meiner Erlebnisse berichtet. Es ist wahrhaftig ein phantastisches Erlebnis zu sehen, dass Bhagawan jederzeit zu seinen Studenten spricht und ihnen Liebe und Mitgefühl schenkt; das mögen sie am liebsten.

Das Dorf, in dem ich wohne, liegt nahe der Küste. Meistens ist die See ruhig und die Menschen haben nichts zu befürchten. Da der 26.Dezember 2004 ein Sonntag war, wollte ich an diesem Tag wie jeden Sonntag an den Strand hinuntergehen. So gegen halb neun, als ich mich gerade fertig machte, hörte ich aus dem Zimmer nebenan laut zersplitterndes Glas. Und als ich in das Zimmer eilte, stellte ich fest, dass Swamis Foto heruntergefallen und das Glas zerbrochen war. Ich säuberte das Foto und beseitigte die Glassplitter, was etwa eine halbe Stunde dauerte. Als ich die Scherben dann hinauswarf, gab es vom Meer her ein gewaltiges Tosen und lautes Geschrei der Dorfbewohner, dass die See plötzlich überschwappte. Im Weglaufen sah ich eine riesige Wasserwand herannahen. Ich kletterte auf einen Baum und verharrte dort, als das Wasser unter mir her donnerte. Doch der Baum wurde entwurzelt und das Wasser spülte mich hinweg, als die Brandung vorwärts tobte. Da sah ich einen riesigen Baumstamm herantreiben und hangelte mich hinauf. Nach etwa 10 Minuten voller Dramatik zog sich das Wasser zurück und hinterließ eine unvorstellbare Zerstörung. Jedermanns Habe, auch die Meine, war zerstört. Als ich in das, was von meinem Haus übrig geblieben war, zurückkehrte, sah ich Swamis Photo, das von der Wand gefallen war, sicher an der Türangel der einzigen Tür, die im ganzen Dorf noch übrig geblieben war, hängen. Meine Eltern befanden sich an diesem besonderen Tag wundersamer Weise in Nellore, um dort jemanden zu besuchen.

Als am 13. Januar Shyam Prasad, einer meiner Freunde, nach Puttaparti reiste, sagte Swami zu ihm: „Ich musste deinen Bruder retten, indem ich mich selbst als Photo hinter Glas herunterfallen ließ, wobei das Glas zerschmetterte. Swami vergisst nie jemanden.“ Der Herr ist in jeder Form allmächtig. Mit Sicherheit wäre ich in die See gespült worden, wenn ich an den Strand gegangen wäre. Was mich 30 Minuten lang daran hinderte, war der Umstand, dass Swamis Foto herunterfiel und ich es wieder säubern musste. Swami vergisst nie jemanden in einer Notlage. Dies ist ein großartiges Beispiel dafür.

Mein Freund Shyam Prasad war an diesem schicksalhaften Tag selbst mit einigen Freunden am Marina-Beach in Chennai (Madras). Nur wenige Minuten, bevor sich das Wasser zuerst zurückzuziehen begann und der Tsunami dann zuschlug, erhielt er einen Anruf auf seinem Handy, dass seine Mutter die Treppe hinuntergefallen und in einem schlimmen Zustand sei. Sofort verließ er den Strand und nahm ein Taxi nach Hause. Zu seiner großen Überraschung aber öffnete ihm seine Mutter die Tür. Er war sprachlos überrascht, sein Mutter ebenfalls, und sie sagte, dass sie gesund und munter sei. Als er versuchte, die Handy Nummer zurückzurufen, erfuhr er, dass sie gar nicht existierte! Am 13. Januar 2005, als Swami mich erwähnte, sagte er auch zu ihm: „Ich musste ein Handy benutzen, um dich zu retten. Swami denkt immer an seine Kinder.“

Gefährdetes Stammkapital

Gefährdetes Stammkapital

Wirklich, ich habe im Sitzen geschlafen, trotz der holprigen Straße – länger als eine halbe Stunde! Der Tag ist heiß. Die Gesichter der Fahrgäste zeigen ihre Erschöpfung.

Mühsam windet sich der Bus die schmale Bergstraße entlang. Bei den engen Haarnadelkurven ragt das Heck mehrmals hinaus über gähnende Abgründe. Hier am Lenkrad zu sitzen – das ist etwas für Könner.

Unser Fahrer – ein dunkles, verschlossenes Gesicht – ist er dieser Strecke gewachsen? Daß man solch einem unbekannten Menschen überhaupt sein Leben anvertraut – eigentlich unbegreiflich! Jetzt . . . ahnte ich es doch! Ich bin auf einmal hellwach: Sieht der Fahrer denn nicht die enge Kurve am Ende der steil abfallenden Strecke?

Mein rechter Fuß sucht unwillkürlich das imaginäre Bremspedal: Jetzt mit Gefühl bremsen! Blitzschnell schalte ich in Gedanken in den zweiten Gang zurück. Zwischengas – ja, so war’s recht!

Und der Bus reagiert sofort. Er nimmt die Kurve mit der gewohnten Präzision. Ich atme auf und muß lächeln: Da bin ich ja gerade noch rechtzeitig wach geworden! Undenkbar, was geschehen wäre, wenn ich bei dieser Todeskurve geschlafen hätte!

Mit unserem Vertrauen ist es schon eine besondere Sache: Es gibt ein Urvertrauen, das der Schöpfer in uns gesteckt hat. Es ist das Stammkapital unseres Lebens. Doch es scheint nur noch voll wirksam zu sein, wenn wir schlafen.

Brief ohne Ende

Brief ohne Ende

Keiner schreibt Gott einen Dankesbrief. Man weiß ihn vielleicht nicht zu adressieren. Ich fand eines Tages solch einen Brief, erzählte Frobenius, als ich den Nachlass meines Vaters ordnete.

“Lieber Gott!”, las ich, “verzeih mir, wenn ich erst in den letzten Tagen meines Lebens, wo ich so oft an Dich denken muß, dazu komme, Dir einen Brief zu schreiben. Ich habe nämlich völlig vergessen, mich bei Dir für das Wunder zu bedanken, das Du mir vor zwanzig Jahren offenbartest. Wie Du sicher weißt, hast Du mir einst Katharina zur Frau gegeben. Eine rechtschaffene Frau; ich muß es schon sagen! Sie hielt mein Haus in Ordnung, erzog die Kinder, schickte sie gewaschen zur Schule, auch war das, was auf den Tisch kam, genießbar; ich hatte alle Knöpfe am Rock, und auch an meinen Hemden fehlte keiner. Ich hätte also in meiner Einfalt recht zufrieden sein können. Ich war es nicht. Ich klagte Dir mein Leid. Es war in der Nacht vor unserem zehnten Hochzeitstag. Lieber Gott, betete ich zu Dir, so kann es doch nicht weitergehen! Meine Frau ist zu rechthaberisch, zänkisch, wir streiten den ganzen Tag, immer hat sie das letzte Wort, ich muß mich sehr bemühen, sie zu überschreien, so laut ist ihre Stimme. Will ich nach rechts, geht sie nach links, selbst wenn wir sonntags unseren Spaziergang machen, fehlen nicht die bösen Worte, die wir uns gegenseitig an den Kopf werden. Du bist doch allmächtig, lieber Gott! Laß ein Wunder geschehen! Verwandle meine Frau, die ein rechter Drachen ist, in eine sanfte liebe Taube, damit der Streit in unserer Ehe aufhört, damit sie einsichtig wird und nicht immer das letzte Wort behalten will.

So betete ich damals, und ich schloß vor dem Amen mit der Bitte, daß das Wunder über Nacht geschehen sollte. Ich wachte am nächsten Morgen auf, ich gab meiner Frau ein gutes Wort, um aus ihrer Antwort herauszuhören, ob Du das Wunder vollbracht hattest, Herr, um das ich Dich gebeten hatte. Ich bekam von ihr eine freundliche Antwort. Nun, Herr, ich zweifelte noch immer; denn ein Wunder ist ein Wunder, man nimmt es nicht so schnell als geschehen hin. Ich verlangte ein neues Hemd. Bei dieser Gelegenheit gab es sonst immer Streit. Ich bat sogar um ein anderes, ein zweites, aus keinem anderen Grund, nur um zu wissen, ob Du ein Wunder getan hattest. Ich bekam das zweite Hemd, ohne Widerspruch. Wir setzten uns zum Frühstück nieder. Ich war besonders nett zu Katharina, ich wollte Deinem Wunder würdig sein, es nicht durch eigene Ungeduld zerstören. Katharina schenkte den Kaffee ein, was sie seit langem nicht mehr getan hatte, ich verwöhnte sie umgekehrt auch – als wir uns zum Spaziergang anschickten, schlug ich den Weg ein, den sie am liebsten ging, sie aber bestand darauf, den anderen Weg zu wählen, weil er bei meinem Zigarrenhändler vorbeiführte. So verlief der ganze Tag in Harmonie und Freundlichkeit, kein böses Wort fiel, mein Gebet um ein Wunder war erhört worden. Du hattest mir eine neue Frau geschenkt. Nie wieder haben wir uns gestritten, keiner von uns wollte mehr recht behalten; denn da sie stets nachgab, wollte ich auch nicht zurückstehen, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, und so ist es bis zum heutigen Tag geblieben. Die Leute sagen immer, es gäbe keine Wunder mehr. Hier hat sich mit eines offenbart. Dafür danke ich Dir, lieber Gott, und wenn ich bald …”

Der Brief war nicht zu Ende geschrieben, aber ich erkannte die Handschrift meines Vaters. Ich brachte den Brief meiner Mutter, die sehr um den Vater trauerte. Sie hatte ihn kaum zu Ende gelesen, da ließ sie ihren Tränen freien Lauf, barg ihr Gesicht an meiner Schulter und sagte: “Es ist damals wirklich ein Wunder geschehen. Nur glaubte ich bisher immer, daß Gott mein Gebet erhört habe. Denn ich betete in der gleichen Nacht und bat Gott, er möge meinen Mann verwandeln, der zänkisch und rechthaberisch war. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, versuchte ich mit einem freundlichen Wort herauszuhören, ob Gott mein Gebet erhört hätte. Da Vater mir herzlich und ohne zu streiten antwortete, erkannte ich das Wunder und tat mein Leben lang alles, es nicht zu zerstören …”

Die Wemmicks

Die Wemmicks

Die Wemmicks waren ein kleines Waldvolk. Jeder von ihnen war von einem Holzschnitzer namens Eli geschnitzt worden. Seine Werkstatt stand auf einem Hügel, an dessen Fuß ihr Dorf lag.

Jeder Wemmick sah anders aus. Einige hatten große Nasen, andere große Augen. Einige waren groß, andere klein. Einige trugen Hüte, andere hatten Mäntel an. Aber alle waren sie vom gleichen Schnitzer gemacht, und alle lebten im selben Dorf.

Und den ganzen Tag lang, tagein tagaus taten die Wemmicks dasselbe: Sie klebten sich gegenseitig Aufkleber an. Jeder Wemmick hatte eine Schachtel mit Goldstern-Klebern und eine Schachtel mit Graupunkt-Klebern. In allen Straßen der Stadt konnte man Leute dabei beobachten, wie sich sich gegenseitig Goldsterne oder Graupunkte aufklebten.

Die Hübschen, die mit glattem Holz und feiner Bemalung, bekamen immer Goldsterne. Aber wenn das Holz rauh oder die Farbe abgeblättert war, gaben sich die Wemmicks Graupunkte.

Die Begabten bekamen auch Sterne. Einige konnte große Stöcke hoch über ihre Köpfe halten oder über hohe Kisten springen. Andere wiederum waren vortreffliche Redner oder konnten wunderschöne Lieder singen. Jeder gab ihnen Sterne.

Einige Wemmicks waren geradezu übersät mit Sternen. Jedes Mal, wenn sie einen Stern aufgeklebt bekamen, fühlten sie sich so großartig, daß sie etwas neues taten und dafür wieder einen Stern bekamen.

Andere jedoch hatten keine besonderen Fähigkeiten. Sie bekamen Punkte.

Punchinello war einer von diesen. Er versuchte, genauso hoch wie die anderen zu springen, aber er fiel dabei immer hin. Und wenn er fiel, versammelten sich die anderen um ihn herum und klebten ihm noch mehr Punkte an.

Einige Male zerkratzte sein Holz beim Fallen, und deshalb gaben ihm die Leute abermals Punkte.

Er versuchte dann zu erklären, warum er gefallen war und sagte etwas Dummes und bekam dafür von den anderen weitere Punkte dazu.

Nach einer Weile hatte er so viele Graupunkte gesammelt, daß er sich nicht mehr aus dem Haus traute. Er hatte Angst, sich dumm anzustellen, zum Beispiel seinen Hut zu vergessen oder in eine Pfütze zu treten und dann von den anderen wieder einen Punkt abzukriegen. Er hatte wirklich schon so viele Graupunkte ankleben, daß einige Wemmicks auf ihn zukamen und ihm ohne Grund noch einen Punkt verpaßten.

“Er hat viele Punkte verdient” waren sich die Holzleute einig. “Er ist kein guter Holzmensch.”

Allmählich glaubte ihnen Punchinello. “Ich bin kein guter Wemmick”, sagte er zu sich selbst.

Die wenigen Male, die er noch aus dem Haus ging, verbrachte er zusammen mit anderen Wemmicks, die ebenfalls viele Punkte trugen.

Eines Tages traf er auf eine Wemmick-Frau, die anders war als alle, die er jemals kennengelernt hatte. Sie trug weder Sterne noch Punkte. Sie war einfach ganz aus Holz. Sie hieß Lulia.

Es war nicht etwa so, daß die Leute nicht versuchten, ihr Aufkleber anzukleben; aber sie hafteten einfach nicht. Einige bewunderten Lulia dafür, daß sie keine Punkte hatte und eilten auf sie zu und gaben ihr einen Stern. Aber der fiel dann jedes Mal ab. Einige sahen auf sie herab, weil sie keine Sterne trug und klebten ihr dafür einen Punkt auf. Aber auch der hielt nicht.

“So möchte ich auch sein!” dachte Punchinello. Ich will mir keine Marken von irgend jemandem aufkleben lassen. Also fragte er die Wemmick ohne Aufkleber, wie sie das machte.

“Es ist ganz einfach”, antwortete Lulia. “Ich besuche Eli jeden Tag.”

“Eli?”

“Ja, Eli. Den Holzschnitzer. Ich besuche ihn in seiner Werkstatt.”

“Warum?”

“Finde es doch selbst heraus. Geh den Hügel hinauf. Er ist dort oben.”

Und mit diesen Worten drehte sich die Wemmick ohne Aufkleber um und war verschwunden.

“Aber er wird mich gar nicht sehen wollen!” weinte Punchinello. Lulia hörte nicht mehr.

Punchinello ging nach Hause. Er setzte sich an ein Fenster und beobachtete die Holzleute, wie sie durch die Gegend eilten und sich gegenseitig Sterne und Punkte vergaben. “Das ist nicht in Ordnung”, sprach er zu sich selbst. Und er beschloß, Eli aufzusuchen.

Er ging den schmalen Weg zum Gipfel des Hügels hinauf und trat in die große Werkstatt ein. Seine Holzaugen wurden immer weiter angesichts der Größe von allen Dingen. Der Stuhl war genauso hoch wie er selbst. Er mußte sich auf die Zehenspitzen stellen, um über die Werkbank hinüberschauen zu können. Ein Hammer war so lang wie sein Arm. Punchinello schluckte tief. “Ich hau hier ab!” Er drehte sich um und wollte schon gehen.

Da hörte er seinen Namen.

“Punchinello?” Die Stimme war tief und stark. Punchinello blieb stehen.

“Punchinello! Wie schön, dich zu sehen. Komm, laß mich dich anschauen.”

Punchinello drehte sich langsam um und sah den Handwerker mit dem großen Bart an. “Du kennst meinen Namen?” fragte der kleine Wemmick.

“Natürlich kenne ich dich. Ich habe dich gemacht.”

Eli bückte sich, hob ihn empor und setzte ihn auf die Werkbank.

“Hmm”, brummte der Schöpfer gedankenvoll, als er die grauen Kreise betrachtete. “Sieht so aus, als hätte man dir ein paar schlechte Marken verpaßt.”

“Ich wollte es nicht, Eli. Ich habe mich wirklich sehr bemüht.”

“Ach, du mußt dich vor mir doch nicht verteidigen, mein Kind. Es ist mir egal, was die anderen Wemmicks denken.”

“Ist es das wirklich?”

“Ja, und dir sollte es auch egal sein. Wer sind sie schon, daß sie Sterne und Punkte vergeben könnten? Sie sind Wemmicks, genau wie du. Was sie denken hat nichts zu sagen, Punchinello. Das einzige, was zählt, ist, was ich denke. Und ich denke, daß du was ganz Besonderes bist.”

Punchinello lachte. “Ich? Was Besonderes? Wieso denn? Ich kann nicht schnell laufen. Ich kann nicht springen. Meine Farbe blättert ab. Was findest du an mir so Besonderes?”

Eli schaute Punchinello an, legte seine Hände auf die kleinen hölzernen Schultern und sagte sehr langsam: “Weil du mir gehörst. Deshalb bist du mir wichtig.”

Punchinello hatte noch nie erlebt, daß ihn jemand so anschaute, geschweige denn seinen Schöpfer. Er wußte nicht, was er sagen sollte.

“Jeden Tag habe ich gehofft, daß Du kommen würdest”, erklärte ihm Eli.

“Ich bin gekommen, weil ich jemanden getroffen habe, die keine Aufkleber anhatte.”

“Ich weiß, sie hat mir von dir erzählt.”

“Warum haften die Aufkleber nicht an ihr?”

“Weil sie sich dafür entschieden hat, daß das, was ich denke, wichtiger ist, als das, was sie denken. Die Aufkleber kleben nur, wenn du sie kleben läßt.”

“Wie?”

“Die Aufkleber kleben nur, wenn sie dir was ausmachen. Je mehr du meiner Liebe vertraust, desto weniger kümmern dich die Aufkleber.”

“Ich weiß nicht, ob ich dich richtig verstehe.”

“Du wirst mich schon noch verstehen, aber das braucht seine Zeit. Du trägst viele Aufkleber.

Besuche mich in der Zwischenzeit einfach jeden Tag und laß mich dich daran erinnern, wie viel mir an dir liegt.”

Eli hob Punchinello von der Bank und stellte ihn auf den Boden.

“Erinnere dich”, sagte Eli noch, als der Wemmick schon durch die Tür trat, “du bist etwas Besonderes, weil ich dich gemacht habe. Und ich mache keine Fehler.”

Punchinello blieb bei diesen Worten nicht stehen, aber in seinem Herzen dachte er: “Ich glaube, er meint es wirklich so.”

Und als er das dachte, fiel ein Punkt auf den Boden.

Gott lieben oder von Gott geliebt werden

Gott lieben oder von Gott geliebt werden

Abu Ben Adhem war ein guter Mensch, er half den Armen, wo immer er konnte, teilte sein Essen und Obdach mit den Hungrigen und Heimatlosen und war stets damit beschäftigt, die Tränen der Trauernden zu trocknen. Aber irgendeinen bestimmten Gott verehrte er nicht. Ihm waren alle Religionen recht, wenn nur die Menschen, die sie ausübten, gut und freundlich, reinen Herzens und von gutem Charakter waren.

Als er eines Abends in sein Haus trat, bemerkte er einen Lichtschein. Ein Engel saß an seinem Schreibtisch und schrieb etwas in ein Buch. Da trag er näher hinzu und fragte höflich:” Darf ich wissen, was du so gewissenhaft aufschreibst?” Da antwortete der Engel: “In diesem Buch trage ich die Namen der Menschen ein, die Gott lieben … Dein Name ist übrigens nicht dabei.”

Am nächsten Abend war wieder der Lichtschein da. Der gleiche Engel saß da und schrieb etwas in ein Buch. Abu trat näher hinzu und fragte höflich: “Darf ich wissen, was du so gewissenhaft aufschreibst?” Da antwortete der Engel: “Heute trage ich in dieses Buch alle Menschen ein, die Gott liebt.”

Abu zögerte. Dann faßte er sich ein Herz und fragte:” Und mein Name, ist er auch hier nicht dabei?” Da fuhr der Engel mit dem Finger die Spalten entlang, von oben bis unten und wieder von unten nach oben und sagte:” Schau her, dein Name steht in der obersten Reihe!”

Die Löffel

Die Löffel

Ein Rabbi kommt zu Gott: “Herr, ich möchte die Hölle sehen und auch den Himmel.”

“Nimm Elia als Führer” spricht der Schöpfer, “er wird dir beides zeigen.”

Der Prophet nimmt den Rabbi bei der Hand. Er führt ihn in einen großen Raum. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber die Menschen sehen mager aus, blass, elend. Kein Wunder: Ihre Löffel sind zu lang. Sie können sie nicht zum Munde führen. Das herrliche Essen ist nicht zu genießen.

Die beiden gehen hinaus. “Welch seltsamer Raum war das?” fragt der Rabbi den Propheten. “Die Hölle” lautet die Antwort.

Sie betreten einen zweiten Raum. Alles genau wie im ersten. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber – ein Unterschied zu dem ersten Raum: Diese Menschen sehen gesund aus, gut genährt und glücklich.

“Wie kommt das?” – Der Rabbi schaut genau hin. Da sieht er den Grund: Diese Menschen schieben sich die Löffel gegenseitig in den Mund, sie geben einander zu essen. Da weiß der Rabbi, wo er ist.

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit

Ein Reicher wollte angesichts des nahen Todes sein Hab und Gut unter seine beiden Söhne verteilen.

Da er wußte, daß jeder der beiden seinen Vorteil sichte und dem anderen nichts gönnte, ließ er einen Notar rufen und übergab ihm ein Verzeichnis seiner Habe und verfügte als seien letzten Willen: “Nach meinem Tode soll mein ältester Sohn meine Besitztümer in zwei Hälften teilen, wie es ihm Rechtens erscheint. Mein jüngster Sohn aber soll davon zuerst die Hälfte wählen, die er haben möchte. Danach müßten wohl beide zufrieden sein.”

Das “Böse” überwinden

Das “Böse” überwinden

Der Evangelist Dapozzo

“Jahrelang habe ich um meines Glaubens willen in einem deutschen Konzentrationslager gelitten. Ich wog nur noch 45 kg und mein ganzer Körper war mit Wunden bedeckt. Mein rechter Arm war gebrochen und ohne ärztliche Behandlung gelassen. Am Weihnachtsabend 1943 ließ mich der Lagerkommandant rufen. Ich stand mit bloßem Oberkörper und barfuss vor ihm. Er saß an einer reich gedeckten, festlichen Tafel. Stehend musste ich zusehen, wie er sich die Leckerbissen schmecken ließ. Da wurde ich vom Bösen versucht: ‘Dapozzo, glaubst du immer noch an den 23. Psalm: Du bereitest vor mit einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang!’ Im Stillen betete ich zu Gott und konnte dann antworten: ‘Ja, ich glaube daran!’ Die Ordonnanz brachte Kaffee und ein Päckchen Kekse. Der Lagerkommandant aß sie mit Genuss und sagte zu mir: ‘Ihre Frau ist eine gute Köchin, Dapozzo!’ Ich verstand nicht, was er meinte. Er erklärte mir: ‘Seit Jahren schickt Ihre Frau Pakete mit kleinen Kuchen, die ich immer mit Behagen gegessen habe.’ Wieder kämpfte ich gegen die Versuchung an. Meine Frau und meine vier Kinder hatten von ihren ohnehin kargen Rationen Mehl, Fett und Zucker gespart, um mir etwas zukommen zu lassen. Und dieser Mann hatte die Nahrung meiner Kinder gegessen. Der Teufel flüsterte mir zu: ‘Hasse ihn, Dapozzo, hasse ihn!’ Wieder betete ich gegen den Hass an um Liebe. Ich bat den Kommandanten, wenigstens an einem der Kuchen riechen zu dürfen, um dabei an meine Frau und meine Kinder zu denken. Aber der Peiniger gewährte mir meine Bitte nicht. Er verfluchte mich.

Als der Krieg vorüber war, suchte ich nach dem Lagerkommandanten. Er war entkommen und untergetaucht. Nach zehn Jahren fand ich ihn schließlich und besuchte ihn zusammen mit einem Pfarrer. Natürlich erkannte er mich nicht. Dann sagte ich zu ihm: ‘Ich bin Nummer 17531. Erinnern Sie sich an Weihnachten 1943?’ Da bekam er plötzlich Angst. ‘Sie sind gekommen, um sich an mit zu rächen?’ ‘Ja’ bestätigte ich und öffnete ein großes Paket. Ein herrlicher Kuchen kam zum Vorschein. Ich bat seine Frau, Kaffee zu kochen. Dann aßen wir schweigend den Kuchen und tranken Kaffee. Der Kommandant begann zu weinen und mich um Verzeihung zu bitten. Ich erzählte ihm, daß ich ihm um Christi willen vergeben hätte.

Eine Parabel vom Bewußtsein: Die kleine Eichel

Eine Parabel vom Bewußtsein: Die kleine Eichel

Siehst Du die Eiche dort im Wald, die alle anderen Bäume überragt?

Sie weiß von der Existenz des Himmels und des Lichtes, kennt den Wald und die Menschen und Tiere um sie her und nimmt alles wahr.
Kommt ein Vogel und fragt: “Wer bist du?“, da antwortet sie: „Ich bin ein Baum!“
Aber auch jedes Blatt und jede Eichel hat das Bewusstsein des Baumes.
Kommt ein Schmetterling geflogen, setzt sich auf eine Eichel und fragt: „Wer bist du?“, dann antwortet die Eichel: „Ich bin ein Baum!“, und nicht etwa, wie du denken magst, „Ich bin eine Eichel!“
Es ist Sommer und die Eicheln wiegen sich im Winde. Sie sind glücklich und träumen den Traum des Sommers. Doch schon werden die Blätter gelb und der Baum zieht sein Bewusstsein unmerklich nach innen, denn er folgt den Zyklen der Natur, die bereits den Traum des Herbstes träumt. Auch der Baum beginnt den Traum des Herbstes zu träumen und den des Winters. Bald verliert er seine ersten Blätter.
Die Eicheln nehmen alles wahr und wiegen sich im Winde.
Eines Tages fegt ein Sturm durch den Wald. Er schüttelt die Eiche mit Macht und fegt fast alle Eicheln herunter auf den Waldboden. Nur einige wenige Eicheln halten sich noch am Baume.
Der Sturm hat auch Blätter vom Baum gefegt, die die Eicheln unter sich begraben. Da liegen die Eicheln in der Finsternis und Nässe des Waldbodens. Der Schock des Falles hat ihrem Bewusstsein einen Schlag versetzt, so dass augenblicklich fast alle Erinnerung verloren ist.
Es ist aber niemals etwas ohne Bewusstsein. Es bleibt ihnen das Bewusstsein der Eichel, und sie erkennen sich nicht mehr als Teile des Baumes, der sie sind, sondern als einzelne getrennte Eicheln. Sie beginnen, sich Namen zu geben wie Meinkorn, Einkorn, Feinkorn und so weiter, um sich voneinander zu unterscheiden.
Sie verbringen ihren Tag damit, über ihren Zustand zu klagen, aber tief in ihrem Inneren haben sie eine sehnsüchtige Ahnung vom Himmel und vom Licht. So klagen sie über die Dunkelheit und die Nässe und über die Ameisen, Würmer und Schnecken um sie her. Die Eicheln der Vorjahre erzählen ihnen von den Gefahren der Erde, dass sie dort langsam verfaulen, dass die Schnecken und Würmer sie auffressen werden. Als Beweis zeigen sie ihnen viele verstümmelte Eicheln, die schon fast verfault oder aufgefressen sind.
Es gibt aber einige ältere Eicheln, die sehr gelehrt sind und alle Phasen studiert haben. Sie wissen, dass jede Eichel spätestens nach 10 bis 15 Jahren verfault und gestorben ist, wenn sie nicht vorher aufgefressen wurde. Sie wissen auch von den Jahreszeiten, dass im Frühling Bewegung in der Erde ist, dass es im Sommer Regen gibt, dass es im Herbst kälter und dunkler wird und dass im Winter der Boden so kalt wird, dass er wie ein Panzer die Eicheln zusammendrückt und alle Hoffnung aus ihnen herauspresst.
Und dann gibt es jene Eicheln, die Nachrichten sammeln. Sie sind sehr angesehen und ihnen entgeht keine Eichel, die verfault ist oder vernichtet wurde. Sie berichten von Sensationen und Katastrophen, etwa wenn ein Wildschwein ganze Kolonien von Eicheln verwüstet und diese aufgefressen hat.
Alle Eicheln hören dies mit geheimen Schrecken und jammern noch lauter über ihren Zustand und sind sicher, dass es keine Hoffnung für sie geben kann. So siechen sie dahin, in ihr Schicksal ergeben, entgegen dem sicheren Tode durch Verfaulen oder gefressen werden.

Aber da ist noch eine kleine Eichel auf dem Baume, weil die Herbststürme sie nicht herunterschütteln konnten. Auch sie weiß, dass sie bald vom Baume fallen wird, wie ihre Brüder und Schwestern, aber sie will nicht unvorbereitet fallen und will das Bewusstsein des Baumes bewahren und mitnehmen.
Eines Tages sieht sie ein Eichhörnchen die letzten Eicheln einsammeln. Gerade will es auch die kleine Eichel vom Baume reißen, da ruft diese geschwind:
“Halt, Eichhörnchen, bevor du mich vom Baume nimmst, sage mir, warum du dies tust!“ „Weil es Herbst ist“, antwortet das Eichhörnchen, „und danach kommt der Winter, und erst dann kommt wieder der Frühling, der das Leben zurück bringt und neue Eicheln auf dem Baume und neue Bäume aus den Eicheln der Vorjahre wachsen lässt, die wieder Eicheln tragen!“ Ungläubig fragt die kleine Eichel das Eichhörnchen: „Willst Du damit sagen, dass der große Baum in einer kleinen Eichel war, bevor er Baum wurde?“ „Aber ja doch!“, antwortete das Eichhörnchen, „das weiß doch jeder!“ „Aber wie ist das möglich?“, fragte die kleine Eichel, „dass ein so großer Baum in einer so kleinen Eichel Platz hat? Du willst mich sicher nur zum Narren halten!“
Da wurde das Eichhörnchen wütend: „Eichhörnchen lügen niemals!“, rief es, riss die kleine Eichel vom Ast und schleuderte sie auf den Waldboden. „Da sieh doch selbst, dass ich die Wahrheit gesagt habe!“, rief es ihr nach.
Die kleine Eichel landete unsanft neben den anderen Eicheln. Aber weil sie auf den Fall vorbereitet war und über die erstaunlichen Worte des Eichhörnchens nachdachte, während sie fiel, blieb ihr das Bewusstsein des Baumes und die Erinnerung an die Worte des Eichhörnchens erhalten. Mit Entsetzen bemerkte sie, dass ihre Brüder und Schwestern, die der Herbststurm auf den Boden geweht hatte, sie nicht verstanden, als sie davon sprach, dass in ihnen ein großer Baum schlummern würde.

So lebte die kleine Eichel abseits von den anderen und träumte den Traum des Baumes. Sie dachte immer wieder über die Worte des Eichhörnchens nach, dass ein riesiger Baum in einer so kleinen Eichel Platz finden konnte und zweifelte nicht an dieser Wahrheit.
Die kleine Eichel beklagte ihr Schicksal nicht. Sie hörte nicht auf die gelehrten und erfahrenen Bodeneicheln, denn sie wusste, dass diese nur die bescheidene Wahrheit der Eicheln kannten und nicht die ganze Wahrheit des Baumes. Diese Gewissheit erzeugte ein Strahlen, das sie umgab und immer klarer und stärker wurde.
Einige Eicheln, die noch eine Ahnung von ihrem Baumwesen in sich trugen, wurden angezogen von der großen Weisheit und Ausstrahlung der kleinen Eichel. Sie hörten ihre Geschichte und fingen ebenfalls an darüber nachzudenken, wie es möglich ist, eine Eichel und gleichzeitig ein großer Baum zu sein.
Während die kleine Eichel den Traum der Eichel träumte, die gleichzeitig ein Baum ist, stülpte sich unmerklich ihr Innerstes nach außen und wuchs aus ihr heraus.
Der Frühling kam, und eines Morgens durchbrach ihr Keim den Waldboden. Als sie das Licht des Himmels spürte, erkannte sie das Geheimnis, denn nun wusste die kleine Eichel mit absoluter Sicherheit: Ich bin der Baum, der in der Eichel war!
Aber auch die Eicheln, die ihren Worten Glauben geschenkt hatten, stülpten bald ihr Innerstes nach außen und erlangten das Bewusstsein des Baumes in seiner ganzen Klarheit und mit der Fähigkeit, selbst Eicheln als ihre Kinder hervorzubringen.

Die gelehrten Bodeneicheln aber stellten mit Verwunderung fest, dass einige Eicheln aufgestiegen waren aus der Erde. Da sie sich den Vorgang nicht erklären konnten, gaben sie ihm wenigstens einen Namen, wie es alle Gelehrten der Welt tun, wenn sie ihre Unwissenheit verbergen wollen, und sie nannten es „Super-Wurm“.
Sie sagten zu den anderen Eicheln: „Seht nur, wohin es führt, wenn eine Eichel denkt, sie wäre ein Baum! Jetzt hat der Super-Wurm sie alle aus ihrem Eichel-Gehäuse gezogen und getötet – welch schrecklicher Tod!“

Die Nachrichtensammler hatten eine neue Sensation und die Eicheln entsetzten sich vor der Ungeheuerlichkeit des neuen Schreckens, dem sie ausgeliefert waren. Sie beeilten sich, alle Gedanken an Bäume aufzugeben, und einige leugneten sogar deren Existenz.

Die Eichen aber wuchsen zusehends im Sonnenlicht und blühten und trugen reiche Frucht.

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